Dienstag, Dezember 20, 2011 at 8:40pm

EnlightenNext Impulse Nr. 002-2011

by axma · • No Comments

Mythos 2012 und die Suche nach dem Messias
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Inhalt:
- Carter Phipps: Mythos 2012 und die Sehnsucht nach dem Messias
- Tom Steininger: Wenn die Evolution sich selbst erkennt
- John Bunzl: Die Macht, eine bessere Welt zu schaffen, liegt bereits in unseren Händen
-Interview mit Arianna Huffington: Wahrheit ist nicht neutral
- Gespräch mit Susanne Cook-Greuter: Erwachsensein ist erst der Anfang
- Elizabeth Debold: SlutWalks: Sich frei fühlen oder frei sein?
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Dialog zwischen Ross Robertson und Michael Zimmermann: Perspektiven einer Integralen Ökologie
- Mike Kauschke: Lebenszeichen einer neuen Kultur – Reflektionen zur spirituellen Herbstakademie
- Erika Ilves und Anna Stillwell: Denkanstoß
- Andrew Cohen: Unser moralisches Dilemma

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Lesen Sie hier den impulse-Artikel:

Apokalypse 2012 und die Sehnsucht nach dem Messias

von Carter Phipps

21. Mai 2011. Die Apokalypse. Der Untergang kam und ging. Jedenfalls ist das die Geschichte, die heutige christliche Endzeitjünger erzählten, die daran glaubten, dass das Ende der Welt gekommen sei – vor einem halben Jahr. Manche haben ihren Job gekündigt, ihre Ersparnisse ausgegeben, sich von Freunden und Familie verabschiedet – alles in dem festen Glauben, dass wir tatsächlich an der letzten Ausfahrt zum Himmel angekommen sind. Ein Ehepaar in Florida verschleuderte gar die Ersparnisse eines ganzen Lebens, denn wozu brauchten sie die noch nach der Apokalypse? Ja, es ist verrückt. Ja, es ist traurig. Aber leider scheint sich das zumindest in den USA ungefähr alle fünf Jahre zu wiederholen. Manchmal ist es einfach schwer zu glauben, dass in unseren modernen Zeiten diese Denkweise immer noch solche Blüten treiben kann.
In akademischen Kreisen wird so etwas als eschatologisches Denken bezeichnet oder als Chiliasmus (die Lehre vom Tausendjährigen Reich; was sich auf die Bibel bezieht, derzufolge Christus eines Tages im Paradies tausend Jahre regieren wird). Doch um die Wahrheit zu sagen: Diese Ideen gehören seit jeher zum Grundbestand der religiösen Traditionen. Und auch wenn sie in einigen dieser Traditionen in den letzten hundert Jahren verblasst sind, handelt es sich dabei doch keineswegs um ein Randthema. Jede größere Religion, einschließlich des Buddhismus, hat irgendeine Art von messianischer, eschatologischer Tradition. Wenn nicht die Wiederkunft Christi, dann die des Mahdi, die Ankunft des Buddha Maitreya, das Erscheinen Kalkis, das Ende des Eisernen Zeitalters, das Kommen des Neuen Jerusalem, die Rückkehr des Quetzalcoatl, das … okay, Sie verstehen das Prinzip. Auch heute noch haben die meisten religiösen Traditionen einen reichhaltigen, aktiven eschatologischen Kern.
Es ist faszinierend und schockierend: Obwohl Endzeithoffnungen eins ums andere Mal enttäuscht wurden, lassen sich viele Menschen nicht davon abbringen. Das Endzeitdenken gehört zu der Art gedanklicher Viren, die durch Fehlschläge einfach nicht totzukriegen sind.
Für uns aber, die eher aus progressiven, weniger traditionsgebundenen Umfeldern kommen, ist es ein intellektueller Sport mit garantierter Trefferquote. Eine Menge guter apokalyptischer Witze kursieren im Internet. Nach der Blamage der jüngsten christlichen Endzeitanhänger im Mai war mein Twitter-Account voll davon.
Das einzige Problem mit all dieser Heiterkeit auf Kosten der „wahren Gläubigen“ besteht darin, dass sie nicht als Einzige der Versuchung erliegen, an irgendeine Art von messianischem Ereignis zu glauben, durch das irgendwie die Welt gerettet wird. Ich beobachte mit einer gewissen Faszination, wie sogar einige Leute der Marke „spirituell, aber nicht religiös“ einen eigenen messianischen Geschmackssinn entwickeln. Ja, auch in den progressiven Bereichen der Kultur, in denen kluge, spirituell orientierte Menschen mit den besten Absichten ehrlich daran arbeiten, sich selbst und die Welt zu verbessern, treibt dieses Denken seine Blüten, wenn auch gewiss nicht so dramatisch.

Apokalypse, progressiv

Werfen wir einen Blick auf den Hype um das Jahr 2012. Die 2012-Fraktion glaubt, der Maya-Kalender und verschiedene andere prophetische Ankündigungen würden besagen, dass irgendwann um den 24. Dezember 2012 große Veränderungen auf der Erde geschehen werden. Das ist also der Zeitpunkt, an dem alles auf großartige Weise kulminiert – je nachdem, mit wem man spricht, wird es ein fantastischer evolutionärer Durchbruch sein, durch den Liebe und Licht wieder erstarken, oder ein gewaltiges Szenario globaler Veränderungen von epischem Ausmaß. Man denke nur an den Film 2012, der eine verheerende, die ganze Welt zerstörende Verschiebung der Magnetpole beschreibt.
2012 ist die progressive Variante des traditionellen eschatologischen Denkens. Es geht um die Vorstellung von einem Ereignis, das völlig außerhalb des normalen Ablaufs der Geschichte liegt, alles verändert, dabei die Mehrheit der Menschen auf eine höhere Bewusstseinsstufe katapultiert und so eine erleuchtete Zukunft erschafft. Es gibt davon auch die düstere Variante, bei der sich eine Art Miniapokalypse ereignen muss, bevor eine bessere Zukunft anbricht, doch im Allgemeinen steht 2012 für eine positive Version des eschatologischen Denkens.
Es fällt nicht schwer, die Attraktivität dieses Denkens zu verstehen. Wer sich Gedanken um das Schicksal dieses wunderbaren Blauen Planeten und seiner bemerkenswerten, ihrer selbst bewussten Bewohner macht – ganz zu schweigen von den Scharen großer und kleiner, niedlicher, pelziger Kreaturen (und natürlich auch der nicht so niedlichen und pelzigen) –, kommt zu dem Schluss, dass der Einfluss unserer Lebensform sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt hat. Unsere Macht ist weit über alles je Dagewesene hinaus gewachsen, eine technisch gestützte Macht, die sich mit allem messen kann, was sich die mythischen Götter jemals hätten ausdenken können. Wir haben uns zu Herren über den Planeten aufgeschwungen, und mit dieser Macht geht die berechtigte Angst einher, dass wir unabsichtlich, sozusagen aus Versehen, unser eigenes Endzeitszenario, unsere eigene apokalyptische Zerstörungsorgie erschaffen, wenn unsere Gattung nicht rasch reifer wird. Und nachdem diese Reifung ein bisschen länger dauert, als wir es gern hätten, entsteht die verständliche Neigung, sie durch ein oder zwei gewaltige Ereignisse anzuschieben und so eine höhere Stufe der Bewusstheit sowie einen höheren Grad an Verantwortung zu erzielen. Glauben Sie mir, wenn so etwas ginge, wäre ich der Erste, der sich dafür anmeldet.
Auch wir im progressiven Lager müssen also aufpassen, dass wir nicht in messianisches Denken verfallen. Gleichzeitig aber dürfen wir nicht in die gegenteilige Falle tappen und zulassen, dass unser Idealismus in einen Realismus abgleitet, der nicht mehr ist als Zynismus. Unerwartete, erstaunliche, positive Ereignisse können durchaus geschehen. Es gibt diese gewaltigen, sprunghaften Entwicklungen nach vorn, die uns alle überraschen. In der Tat: Nur weil nicht gleich in den nächsten paar Tagen Tausend Jahre voller Liebe und Licht für uns alle anbrechen, brauchen wir nicht gleich jeglichen Glauben an positive Möglichkeiten für die Zukunft aufzugeben. Wir brauchen nicht den Glauben daran aufzugeben, dass wir tatsächlich über die Macht verfügen, die Kräfte der kulturellen Entwicklung zu verstärken, in eine positive Richtung zu schieben und ein Stückchen voranzubringen. Wie können wir also verantwortlich und zugleich optimistisch über die Evolution der menschlichen Kultur nachdenken, ohne dabei einerseits in Fatalismus und Zynismus oder andererseits in allzu optimistische messianische Erwartungen zu verfallen? Wo liegt der Mittelweg zwischen diesen beiden verführerischen Fallen des menschlichen Geistes? Wie können wir der positivsten Vision der menschlichen Evolution folgen, ohne uns geistig in messianischen Hoffnungen zu verirren?

Michelangelo Buonarroti (1475-1564): Das jüngste Gericht (Ausschnitt)

Michelangelo Buonarroti (1475-1564): Das jüngste Gericht (Ausschnitt)

Das messianische Mem

Vor ein paar Jahren recherchierte ich für einen Artikel über messianisches Denken und stieß dabei auf eine faszinierende historische Episode aus dem 19. Jahrhundert. Dabei ging es um Anne Besant, sie war Frauenrechtlerin in London, schloss sich dann der Theosophischen Gesellschaft an, und wurde schließlich ihre Präsidentin. Besant war aus verschiedenen Gründen ein interessanter Charakter, doch wurde sie wahrscheinlich hauptsächlich bekannt, weil sie vehement einen Jungen förderte, der als der „Weltlehrer“ der Theosophischen Gesellschaft bekannt wurde. Dieser Junge war Jiddu Krishnamurti, der große Lehrer des 20. Jahrhunderts, der eine Verbindung mit der Theosophie wie auch alle messianischen Titel verweigerte und aus eigener Kraft ein wirkmächtiger, unabhängiger Philosoph und Lehrer wurde.
Diese Geschichte ist in vielerlei Hinsicht faszinierend, aber was mich besonders beeindruckte, war der Grund für Annie Besants messianische Wende. Scheinbar interessierte sie sich damals besonders leidenschaftlich für Themen des Fortschritts und begann angesichts der schwierigen Bedingungen der armen Bevölkerung, dem Elend und der Armut im industrialisierten London den Glauben an die modernisierenden Kräfte im Arbeitsleben der damaligen Wirtschaft zu verlieren. Nach einem kurzen Rendezvous mit dem Marxismus traf sie Helene Blavatsky, die Begründerin der Theosophie, und fing an, sich für diese esoterische Lehre zu interessieren.
Sicherlich gab es viele Gründe für Besants Interesse an der Theosophie, nicht zuletzt ihre eigene langjährige spirituelle Suche, doch ein Grund erschien mir besonders wichtig: Sie hatte den Glauben daran verloren, dass die Politik und progressive Bewegungen die Bedingungen der Benachteiligten verändern könnten. Deshalb hatte sie sich den inneren Dimensionen, der Spiritualität und besonders dem neuen Glauben an den kommenden „Weltlehrer“ zugewandt. Ihre messianische Wende wurde also von dem Wunsch angetrieben, den Prozess der kulturellen Evolution anzutreiben oder zumindest zu beschleunigen. Sie führte ihre Aktivitäten für soziale Veränderung weiter, aber es war zum Teil ihr schwindender Glaube an die Möglichkeiten eines progressiven Wandels, der sie dazu inspirierte, nach einem heroischen, die Geschichte verändernden Ereignis zu suchen.

Jiddu Krishnamurti und Annie Besant im Jahre 1926

Jiddu Krishnamurti und Annie Besant im Jahre 1926

Tatsächlich beginnen wir oft nach revolutionären messianischen Idealen zu suchen, wenn uns der Glaube an die Möglichkeit eines evolutionären Wandels fehlt. Es kann der globale Wandel 2012, die harmonische Konvergenz, eine Art von „Wandlung der Erde” oder eine zeitgleiche universelle „Transformation“ sein, die den Weg in die Zukunft bereiten. In diesem Sinne sehe ich heute viele Besants – Menschen mit dem tiefen Wunsch nach Wandel und der Leidenschaft, eine wahrhafte Verbesserung auf diesem Planeten zu erreichen. Das sind oft die gleichen Menschen, die sich für große Ziele einsetzen, die aber nur langsam größere Bedeutung in unserer Kultur bekommen. Sie blicken auf eine Welt, die von Klimawandel, Terrorismus, Korruption, Überbevölkerung und finanziellen Katastrophen geprägt ist, und in der Millionen von Menschen in Armut leben, und sie wissen, dass diese Probleme immer drängender werden. Und wenn es positive Entwicklungen gibt, sind diese nicht schnell genug. Deshalb beten, hoffen und meditieren sie – mit Aussicht auf ein Ereignis; einen Wandel des Bewusstseins, eine innere Konvergenz, die Emergenz, das Wiederauferstehen von Liebe, Licht, Frieden und Mitgefühl, die uns vor dem Bösen und der Unwissenheit retten, durch die unsere kollektive Seele gelähmt wird. Anders gesagt suchen sie nach einem Messias oder einem messianischen Ereignis, das alles verändern wird. Natürlich verwenden sie nicht diesen Begriff, aber wenn wir hinter die Begrifflichkeiten schauen, ist genau das gemeint. Oft beschreiben sie diesen Bewusstseinswandel mit dem Begriff „Evolution“.

Die Evolution der Kultur

Ironischerweise hat dieses Denken nichts mit der Evolution von Bewusstsein und Kultur zu tun, wie ich es verstehe. Tatsächlich will ich einen vielleicht etwas kontroversen Gedanken verfolgen: Nicht der Glaube an die Evolution führt zum Wunsch, sich an das messianische Mem zu halten, sondern vielmehr das Fehlen des Glaubens. Die mangelnde Wertschätzung der Kraft der Evolution auf kultureller Ebene und das Unverständnis der Wirkungsweise von kultureller Evolution führen dazu, uns nach plötzlich auftauchenden über-historischen Kräften zu sehnen, die uns retten werden.
In diesem Beitrag habe ich nicht den Raum, um zu argumentieren, warum die kulturelle Evolution als legitimer Zweig der Evolution wirklich existiert. Aber ich möchte hier darauf hinweisen, dass wir die Gegenwart und die Zukunft anders verstehen, wenn wir die wahren Dimensionen des umfassenden evolutionären Prozesses erkennen, dessen Teil wir sind. Obwohl die kulturelle Evolution oft frustrierend langsam verläuft – vor allem wenn wir sie vor dem Hintergrund betrachten, die uns als Menschen auf dieser Erde bleibt – sind Wandlung und Entwicklung doch eindeutig zu erkennen. Plötzlich geschehen umfassende Veränderungen direkt vor unseren Augen. Aber auch dann gibt es Reaktionen und Gegen-Reaktionen, Rückschläge und Umwege. Und obwohl alte Probleme gelöst werden, entstehen neue Herausforderungen. Aber Evolution geschieht wirklich; sie ist aktiv, und je tiefer wir das wahrnehmen und verstehen, umso kraftvoller wird unsere Antwort auf die evolutionären Herausforderungen unserer Zeit sein – sogar wenn unsere Bemühungen erstmal scheitern und nicht sofort die Früchte bringen, die unseren Idealen entsprechen. Wir sollten niemals den menschlichen Geist unterschätzen, auch dann nicht, wenn er sich seinen Weg durch die vielen Katastrophen der Geschichte bahnt. Wir können die Geschichte beeinflussen und verändern, aber wir können sie nicht in unsere Vorstellung von Utopie pressen. Wir können auf verschiedene Weisen zur Entwicklung der globalen Kultur beitragen und es gibt keinen Zweifel, dass unsere Anstrengungen als Einzelne und Gemeinschaften eine Wirkung haben können, auch wenn sie im Moment klein erscheinen mögen, inmitten der globalen Situation der Menschheit. In der Tat möchte ich behaupten, dass in unserem globalisierten Informationszeitalter die Anstrengungen des Einzelnen und kleiner Gruppen mehr Einfluss haben können als jemals zuvor. Auch das ist ein Ausdruck der Kraft der Evolution und der immer größer werdenden Fähigkeit für unsere eigene Autonomie und Wirksamkeit.
Wenn ich hier über Evolution spreche, hat das nicht nur mit Biologie oder der DNA zu tun. Es geht auch nicht allein um die Entwicklung sozio-ökonomischer Strukturen und politischer Systeme. Sondern ich spreche hier von der Evolution unserer inneren Bewusstheit; unseren Werten, unserer Moral, unserer Perspektiven und Weltsichten. Evolution auf dieser Stufe ist langsam, aber kraftvoll und nachhaltig. Nur eine kleine aber tief greifende Bewegung kann einen enormen Einfluss auf die Kultur haben. Wir sollten den mächtigen Einfluss, den die Evolution auf der Ebene innerer Bewusstheit auf die Zukunft unserer Gesellschaft ausüben kann, nicht unterschätzen. Aber es gibt keine Zwangsläufigkeiten oder Garantien, und wir können nicht einfach mit den Fingern schnippen und sofort das Momentum von Tausenden von Jahren verändern.
Obwohl sich die Dinge scheinbar langsam verändern, nehmen wir uns manchmal nicht die Zeit, um wertzuschätzen, wie viel sich unter der Oberfläche bewegt und verändert. Zum Beispiel schien es, als ob sich das Rassenproblem in Amerika nur frustrierend langsam verbessert. Es herrschte kein Mangel an Stimmen, die sagten, dass „sich nichts verändert hat“ – bis zu dem Tag, an dem wir einen schwarzen Präsidenten wählten; ein Ereignis, von dem Menschenrechtler in 1960ern dachten, dass sie es zu ihren Lebzeiten nicht erleben werden.
Es schien sicher genauso aussichtslos, die Armut im London des 19. Jahrhunderts zu beeinflussen und jetzt sehen wir, wie groß der Unterschied zur heutigen Zeit ist – es ist natürlich nicht perfekt, aber um Längen besser als vor einhundert Jahren. Und das ist ein großer Schritt vorwärts.

Den Bann der Stabilität brechen

Als Kind wollte ich die großen Tennisspieler meiner Generation, Borg und McEnroe, um den Sieg im Grand Slam kämpfen sehen. Und ich stellte mir in Gedanken vor, wie es wäre, so zu spielen und sich auf solch einem hohen Niveau zu messen. Die Vision war wichtig für meine Entwicklung als Spieler. Doch inspirierender und belebender als die idealistische Vision war es, neue Fähigkeiten auszubilden und die Möglichkeit zu erkennen, dass ich mich selbst entwickeln konnte. Ich konnte das Selbstvertrauen entwickeln, dass es mir möglich war, durch meine eigene Anstrengung zu einem großen Spieler zu werden. Solch eine Erfahrung durchbricht zumindest zeitweise das, was ich den Bann der Stabilität nenne: eine tiefe innere Überzeugung, in einem grundlegend statischen Universum zu leben, weshalb sich die menschliche Natur im Prinzip nicht verändert und die Dinge heute so sind, wie sie morgen sein werden. Wenn wir diese Überzeugung aufgeben, auch in Beziehung auf relativ unwichtige Bereiche unseres Lebens, dann ist das so, als wenn ein Damm in unserem Bewusstsein brechen würde. Wir beginnen, die Welt um uns neu zu sehen und erfahren neue und befreiende Möglichkeiten, und wir erkennen direkter die zugrunde liegende Evolution und Bewegung, die ein Teil des Prozesses von menschlicher Natur und Kultur sind. Wir beginnen deutlicher zu sehen, dass das Leben nicht statisch oder fest ist und wir erkennen, dass wir individuell und gemeinschaftlich bei dieser Weiterentwicklung mitwirken können – ob auf dem Tennisplatz oder in den bedeutenderen Bereichen der menschlichen Gesellschaft.
Wie die Vision von mir als großem Tennisspieler nicht mit der Inspiration zu vergleichen ist, wenn man in Echtzeit wirkliche Entwicklung sieht, so wird die große Vision der kulturellen Transformation nicht wirkungsvoll sein, wenn wir nicht den Bann der Stabilität brechen – dieser tiefen Überzeugung in uns und in unserem kollektiven Bewusstsein, dass die menschliche Natur und Kultur unbeweglich sind, und deshalb eines großen transformativen Ereignisses bedürfen, um sich von einem statischen Zustand in einen anderen zu begeben.
Nichts ist falsch an den großen Visionen des Möglichen. Wir brauchen sie, solange sie nicht verrückt und unrealistisch sind. Wir brauchen sie, um uns zu inspirieren und uns eine Richtung und einen Fokus zu geben. Aber was uns wirklich inspiriert und belebt ist, an einer wirklichen Entwicklung teilzunehmen und dabei wertschätzen zu können, wie diese Entwicklung mit dem umfassenden historischen Fluss der Evolution über die letzten 5000 Jahre menschlicher Kultur verbunden ist. Wenn sich unsere Augen für die Realität der Evolution menschlicher Natur und Kultur öffnen, wenn wir zurückschauen und dabei nicht 5000 Jahre des Stillstands sehen, sondern Jahrhunderte schwieriger und hart erarbeiteter Evolution im Inneren des menschlichen Lebens und im Äusseren der Gesellschaft, dann können wir aufhören, auf den Messias zu hoffen. Wir werden uns einer anderen Vision der Zukunft zuwenden – eine Vision, die uns zwar herausfordert, aber letztendlich damit belohnt, zu einem Prozess beizutragen, der unser Leben transzendiert und den wir auf wunderbare Weise durch unser Handeln beeinflussen können.

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