Von Andrew Cohen, am 15. Januar 2012
Heute ist Martin Luther Kings Geburtstag. Diese große Seele war ein Visionär. Was ist ein Visionär? Visionäre sind die seltenen und inspirierten Menschen, die eine große Verheißung und innewohnende Potenziale des menschlichen Bewusstseins und der menschlichen Kultur sehen, die die meisten von uns sich noch nicht einmal vorzustellen wagen. Sie sehen weit über die Gegenwart hinaus in eine Zukunft, die noch geschaffen werden muss. Für sie existiert diese Kultur in gewisser Weise schon, weil ihr Gewahrsein von inspirierenden und anziehenden Bildern des Möglichen erleuchtet ist. Nur wenn wir, wie Dr. King und andere große spirituelle Wesen, die gleiche Fähigkeit entwickeln, über den Punkt, zu dem wir schon gekommen sind, hinauszusehen und hinauszuspüren, wird unser Leben ein Ausdruck von etwas sein, das über den Status quo hinausgeht.
Vor Kurzem war ich als Sprecher bei einer Konferenz, die im Zusammenhang mit der Arbeit des großen zeitgenössischen amerikanischen Philosophen Ken Wilber organisiert wurde. Wilber ist für den mutigen Versuch bekannt, das gesamte menschliche Wissen in ein zusammenhängendes philosophisches System zu integrieren. Er ist auch bekannt für den Umfang seines Werkes (seine achtbändigen Collected Works wurden schon zu seinen Lebzeiten veröffentlicht). An einem Punkt in der Konferenz wurde er über seinen eigenen kreativen Prozess befragt und er beschrieb, wie er als junger Mann um drei Uhr morgens aufstand und ohne Pause – auch nicht zum Essen oder Zähne putzen – elf Stunden lang schrieb. Es ist schwer, sich vorzustellen, was einen Menschen dazu veranlasst, sich selbst so an die Grenze zu treiben, wenn man nicht sieht, dass es eine Vision gibt, mit der dieser Mensch verbunden ist, und die ihn dazu inspiriert, sich weit über die Norm hinauszubegeben.
Dr. King wusste, wie vor ihm Mahatma Gandhi, dass seine mutige und heroische öffentliche Herausforderung des Rassismus und der Rassentrennung sehr wahrscheinlich zu seiner Ermordung führen würde. Aber seine Vision des Möglichen – „Ich habe den Gipfel des Berges gesehen.“ – drängte ihn dazu, trotz aller Hindernisse weiterzugehen. Ein Visionär ist jemand, der nicht mehr dafür lebt, etwas für sich selbst zu bekommen oder zu haben oder um vorsichtig zu versuchen, das, was es schon gibt, zu bewahren und zu schützen. Visionäre leben für das, was noch nicht geschehen ist, weil ihre Aufmerksamkeit auf die Verheißung des Möglichen gerichtet ist – diese Zukunft ist im Feld ihrer Vorstellung schon strahlend lebendig. Weil sie diese Zukunft erfahren – und täglich ihre Verheißung spüren – leben sie in einem Zustand der ständigen Unzufriedenheit, sie sind gleichzeitig zutiefst inspiriert und immer unbefriedigt. Wie viele von uns haben den Mut und das Herz, so zu leben? Um für die Zukunft zu leben, wie diese großen Seelen, die die höheren Werte unserer Kultur hervorbrachten, müssen wir bereit sein, eine ewige Illusion aufzugeben. Diese Illusion ist das Versprechen einer tiefen und anhaltenden Zufriedenheit im gegenwärtigen Moment, die nicht mit der befreienden Kraft transzendenter Ideale oder Ziele verbunden ist. Das ist ein leeres Versprechen, das wir ständig am Leben erhalten, indem wir immer darauf hoffen, dass wir durch die Befriedigung unserer persönlichen Wünsche glücklich werden, oder indem wir uns wissentlich oder unwissentlich erlauben, mit den oberflächlichen Werten unserer ruhelosen und verwirrten Kultur konform zu gehen.
In unserer postmodernen Ära – “dem Zeitalter des Individuums” – geht es in der Spiritualität mehr um „mich“ und „mein Glücklichsein“ als darum, wohin wir gehen und was uns dort hin bringen wird. Ich denke wir vergessen, dass unsere spirituellen Helden fast immer mutige Seelen waren, die bereit waren, die größten Opfer zu bringen, aufgrund dessen, was sie im Auge ihrer spirituellen Intuition sahen – ihre Vision des Möglichen. Ohne zu einer kraftvollen und inspirierten Vision dessen zu erwachen, wie unsere Welt sein könnte, frage ich mich, wie es möglich sein kann, wahres Glück für mehr als einen flüchtigen Moment zu empfinden? Vor 2500 Jahren sagte uns der Buddha, dass sich alles jederzeit verändert und dass wir, wenn wir erleuchtete Wesen sein wollen, uns nicht erlauben dürfen, an etwas anderem anzuhaften als an dieser unfassbaren Leerheit, die der Grund der Wirklichkeit selbst ist. Aber heute, im 21. Jahrhundert: Wie wäre es, wenn wir uns selbst erlauben, an der erhabenen und inspirierten Vision des Möglichen festzuhalten, die immer außerhalb unserer Reichweite liegt? Die uns immer über den gegenwärtigen Moment und uns selbst hinauszieht, in eine ständig zunehmende Vollkommenheit, die wir paradoxerweise nie völlig erreichen werden.
In einem sich entwickelnden Universum bewegen sich die Grenzen immer weiter nach vorn, immer weiter nach oben. Große Seelen und inspirierte Visionäre verändern, verbessern und erleuchten die Welt, weil ihre Aufmerksamkeit immer auf diese Grenzen gerichtet ist. Das ist ein neues Verständnis des traditionellen spirituellen Ideals „in der Welt zu sein, aber nicht von ihr“. Es bedeutet, dass wir zutiefst in der Welt von Zeit, Raum und Lokalisation sind, aber die Aufmerksamkeit unseres inneren Auges, unseres inneren Herzens und inneren Geistes ist vollkommen fasziniert von dem, was weit, weit jenseits davon liegt.
Dr. Kings mitreißende Freude, sein Mitgefühl und tiefe Liebe für die Menschheit waren nicht nur der Ausdruck seiner „Selbstverwirklichung“ als Individuum, sondern noch bedeutsamer die Reflexion dessen, was er für uns alle in einer Zukunft sehen konnte, die noch nicht eingetreten war. Stell dir nur einmal vor, wie viel Liebe wir füreinander und für unsere Welt im gegenwärtigen Augenblick empfinden würden, wenn unsere Aufmerksamkeit vom Möglichen in der Zukunft erleuchtet und darauf fokussiert wäre.
Es ist nicht schwer sich zu beklagen und sich durch die Herausforderungen, denen wir als Einzelne und als globale Kultur gegenüberstehen, überwältigt zu sein. Aber wie viele von uns sind bereit, sich zu entwickeln und über unsere normalen Grenzen hinauszugehen, um echte Durchbrüche in neue Ebenen der Möglichkeit und des Potenzials mitzugestalten, die die meisten Menschen sich noch nicht einmal vorstellen können? Bei der spirituellen Entwicklung in unserer schönen neuen Welt muss es vielleicht weniger um das Sein gehen sondern vielmehr um das Sehen – sehen und sich vorstellen, was möglich ist, so wie es Dr. King getan hat. Und wenn wir den Mut haben, dass uns diese Vision aus dem Schlummer der Stagnation und Engstirnigkeit erweckt, können wir uns ohne Hindernisse für eine bessere Welt einsetzen.
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