von Carter Phipps
Im Blog von Sam Harris gibt es ein Interview, das sich zu lesen lohnt. Dort spricht der Physiker Lawrence Krauss über sein neues Buch, das davon handelt, warum es etwas gibt und nicht nichts. Der Austausch ist ziemlich spannend.
Die Frage „Warum gibt es etwas und nicht nichts?“ ist seit Langem eine wichtige philosophische Frage und erst recht eine theologische Frage. („Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?” lautet die berühmte Frage des Philosophen Martin Heidegger.) Diejenigen, denen daran gelegen ist, in den Aktivitäten des Universums mehr zu sehen als das Funktionieren von Materie, nutzen diese Frage als Fingerzeig auf ein Mysterium, das man in der Physikabteilung noch nicht erklären kann. Nichts in Etwas zu verwandeln, so wird argumentiert, erfordert mehr als das, was wir bis jetzt in Partikelbeschleunigern und mathematischen Spekulationen entdeckt haben. Egal welchen Standpunkt man in Bezug auf Wissenschaft, Geist oder Gott einnimmt, das ist sicher eine Frage, die ins Herz dessen zielt, was die Quelle der Kreativität unseres wunderbaren Universums ausmacht. Ich liebe die Frage selbst, denn sie zeigt auf das wunderbare Mysterium und die außerordentliche schöpferische Kraft, die die Grundlage der Existenz darstellt, egal wem wir diese Kreativität zuschreiben. Was mich betrifft, glaube ich nicht an eine omnipotente Gottheit, die sich vom Himmel herabließ und sagte „Es werde Licht“. Auch nicht, dass übernatürliche Interventionen kurz vorm Urknall die ganz besondere Zutat in der kosmischen Suppe waren. Aber ich glaube, dass es ein Mysterium in der Entstehung des Universums gibt, das viele Annahmen infrage stellt, die wir über das Leben haben, egal, wer wir sind.
Krauss dagegen scheint von der Tiefgründigkeit dieser Frage nicht ganz so beeindruckt zu sein. Seiner Ansicht nach hat sich die Natur dieser Debatte in den letzten Jahrzehnten mit neuen Entdeckungen der Physik fundamental verändert und das daraus resultierende Wissen fordert die Theologie heraus, nicht die Naturwissenschaften. Ich zitiere hier einen Abschnitt seiner Antwort:
Die moderne Naturwissenschaft macht die Etwas-aus-Nichts-Diskussion gegenstandslos. Sie hat unser Verständnis der Worte „etwas“ und „nichts“ selbst komplett verändert. Empirische Entdeckungen belegen fortwährend, dass das Universum so ist, wie es ist, ob wir das nun mögen oder nicht, und dass „Etwas“ und „Nichts“ physische Konzepte sind und damit der Domäne der Naturwissenschaften angehören und nicht der Theologie oder Philosophie. (Tatsächlich haben Religion und Philosophie nichts zu unserem Verständnis dieser Ideen beigetragen – seit Jahrhunderten.) Ich verwende im Buch sehr viel Zeit darauf, detailliert darzulegen, wie die Physik zum Beispiel unsere Auffassung von „Nichts“ verändert hat. Die alte Annahme, dass Nichts mit leerem Raum zu tun hat, in dem es keine Masse oder Energie oder irgendetwas Materielles gibt, ist zum Beispiel ersetzt worden durch ein kochendes, blubberndes Gebräu von virtuellen Partikeln, die in die Existenz und wieder heraus springen. Das geht so schnell, dass wir sie nicht direkt erfassen können. Ich führe dann weiter aus, wie andere Versionen von „Nichts“, die über die bloße Leerheit des Raums hinausgehen, einschließlich der Abwesenheit von Raum selbst und der Abwesenheit physikalischer Gesetze, sich in „Etwas“ verwandeln können. Tatsächlich ist „Nichts“ im modernen Sprachgebrauch meistens instabil. Es kann nicht nur Etwas aus Nichts entstehen, die Gesetze der Physik setzen sogar meist voraus, dass dies geschieht.
Ich finde es spannend, dass die Naturwissenschaften solche Fragen erforschen, ich möchte das Krauss wirklich hoch anrechnen. Und ich habe sein Buch nicht gelesen, ich bitte dies zu berücksichtigen. Trotzdem sind seine Aussagen auf mehreren Ebenen problematisch. Und die ganze Sache “irrelevant” zu nennen, ist pure Übertreibung. Erstens hat Krauss recht damit, dass sich unsere Vorstellung von Nichts verändert, zumindest in den Naturwissenschaften. Wir dachten einmal, das Vakuum sei im Prinzip eine Form des Nichts. Aber jetzt wissen wir, dass das Nichts, wie Krauss mit einem wundervoll poetischen Ausdruck sagt, „ein kochendes, blubberndes Gebräu von virtuellen Partikeln, die in die Existenz und wieder heraus springen“ ist. Ich bin nicht sicher, wie etwas, das in die Existenz und wieder heraus springt sich von Etwas, das aus Nichts kommt, unterscheidet. Doch, das einmal beiseitegelassen, kann ich nicht erkennen, wie das irgendeine Aussage über die größere Frage der Schöpfung selbst trifft, darüber wie Etwas aus Nichts auf dieser Ebene entsteht. Das Vakuum ist also nicht leer. Großartig, das ist faszinierende Wissenschaft. Größtenteils hat es wenig Auswirkung auf das Mysterium der „ersten Ursache“.
Zweitens beachte man, wie Krauss behauptet, als wäre diese Nebenbemerkung offensichtlich, dass Religion oder Philosophie unserem Verständnis über das Thema nichts hinzugefügt haben – seit Jahrhunderten. Es liegt mir fern, die extreme Rückständigkeit vieler religiöser Überlegungen zu verteidigen, aber die Aussage ist einfach nicht wahr. Und ich finde es unangemessen, dass Naturwissenschaftler solchen Aussagen machen können und ganz nebenbei den Gedanken zur Seite fegen, dass Philosophie (oder gar Mystik oder Theologie) jemals etwas mit der Weiterentwicklung von Wissen zu tun gehabt haben könnten, als müsse man so eine Aussage nicht einmal verteidigen. (Ich vermute, das hat mit dem ganzen Glaubenssystem darüber zu tun, wie Wissen sich entwickelt, aber das hebe ich mir für einen anderen Beitrag auf.)
Drittens sind Etwas und Nichts wirklich physische Konzepte? Krauss betont, das sei so und beansprucht sie deshalb für die Naturwissenschaften, aber ich habe meine Zweifel. Es scheint Etwas zu geben, das nicht physischer Natur ist, wie ein Gedanke oder ein Naturgesetz. Sind solche Dinge physisch? Es ist für mich nicht unmittelbar offensichtlich, dass die Antwort Ja ist. Ich nehme an, Krauss definiert Naturwissenschaften als etwas, was mit physischen Dingen zu tun hat, aber ich bin nicht sicher, dass Naturwissenschaften darauf beschränkt sind oder darauf beschränkt sein sollten. Selbst die Physik ist nicht wirklich auf physische Dinge beschränkt – nicht heutzutage.
Krauss führt schließlich zwei weitere Varianten aus, die unsere Vorstellung von Nichts verändern: Das Nichts der Abwesenheit von Raum und das Nichts der Abwesenheit physikalischer Gesetze. Ich bin mit den Naturwissenschaften an dieser Stelle weniger vertraut, doch wirft dies erneut faszinierende Fragen auf – wie zum Beispiel, wann die Gesetze der Physik das Bühnenbild des Universums betreten. Waren sie am Anfang da oder waren sie vor dem Anfang da – und wäre das dann wirklich der Anfang?
Doch keine dieser Neukonzeptionen des Nichts löst das fundamentale Rätsel, wie Etwas aus Nichts emergiert. Wenn man weder Raum, Zeit, Objekte noch physikalische Gesetze hat, dann sprechen wir wirklich von Nichts und nicht nur von einer Metapher oder Annäherung. Man muss es Harris zugutehalten, dass er das sofort bemerkt. Er merkt an:
Sie haben drei Abstufungen von Nichts beschrieben – leeren Raum, die Abwesenheit von Raum und die Abwesenheit physikalischer Gesetze. Mir scheint, dass diese letzte Bedingung – die Abwesenheit jeglicher Gesetze, die das Auftauchen von Materie und Raum-Zeit hätte verursachen oder beschränken können – wirklich ein Fall von „Nichts“ im strengen Sinn darstellt. Es erscheint mir absolut unvorstellbar, dass irgendetwas – Gesetze, Energie usw. – daraus hervorgehen könnte. Ich will damit nicht sagen, dass Vorstellbarkeit ein Kriterium für die Möglichkeit ist – es kann viele Dinge geben, die passieren oder passieren könnten, die für uns kognitiv gar nicht erfassbar sind. Doch das Auftauchen von Etwas aus dem Nichts (in dieser finalen Deutung) scheint mir eine offene Verletzung der Kategorien menschlichen Denkens zu sein (ungefähr so, wie zu behaupten, das Universum sei ein rundes Quadrat) oder eine schlichte Feststellung eines Wunders. Gibt es irgendeinen physikalischen Grund zu glauben, dass es so ein Nichts jemals gegeben hat? Wäre es nicht einfacher anzunehmen, dass die Gesetze der Physik schon immer existiert haben?
Ich schätze diese Frage, denn sie ist auf intellektuelle Weise ehrlich und sie dringt ins Herz des Etwas-aus-Nichts-Mysteriums vor, das Krauss, wie ich vermute, gar nicht voll erfasst. Harris scheint die Idee nicht zu mögen, dass ein echtes Nichts ein Etwas hervorbringt, und ich verstehe seine Aversion. Es hat einen starken Beigeschmack von Irrationalität, von einem metaphysischen Sprung und einer Art Bankrotterklärung. Krauss antwortet einfach, dass das Universum unseren Präferenzen oft entgegensteht, wir müssten es so akzeptieren, wie es ist, ob wir das nun mögen oder nicht. So weit, so gut. Doch er übergeht dabei quasi die grundlegendere Frage des Etwas-aus-dem-totalen-Nichts, auf die Harris es hier abgesehen hat. Da ist immer noch dieses Problem der Schöpfung aus dem „Garnichts“, und daran hängen ein paar weitere Themen dieser grundlegenden philosophischen Frage. Krauss scheint meist über diese weiterführenden Themen zu sprechen, das ist in Ordnung, doch es macht die grundlegendere Frage nicht gegenstandslos. Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass man sehr viel über die Erste Ursache sagen kann. Wir wissen es einfach nicht. Lauter Schildkröten halten das Universum … (nach einer Anekdote, die Stephen Hawking in „Eine kurze Geschichte der Zeit“ zitiert).
In dem Interview geht es weiter darum, wo die Physik in ihrem Streben, das Universum zu verstehen, angelangt ist; und die Gedanken von Krauss dazu sind bestechend und interessant.
Wenn ich weiter über das Interview reflektiere, denke ich, dass die wichtigere Frage, die sich stellt, nicht ist „Wie kommt Etwas aus Nichts?“, sondern „Was genau für ein Etwas muss Teil des Nichts am Anfang des Universums gewesen sein, damit die Welt von heute entstehen konnte?“ In anderen Worten, was musste vor 13,7 Milliarden Jahren Teil des Ursprungs sein, damit sich ein Universum voller Leben, Bewusstsein, menschlicher Kultur und enormer Komplexität von Information, Geist und Materie entwickeln konnte. Was, wenn überhaupt etwas, musste darin enthalten sein, damit es sich entwickeln konnte?
Um es mit den Worten von Brian Swimme zu umschreiben, man braucht Wasserstoffgas, überlässt es 13,7 Milliarden Jahren sich selbst und es verwandelt sich in Rosenbüsche, Giraffen und Menschen. Wie geht das vor sich? Ich meine, das muss doch irgendein besonderes Wasserstoffgas gewesen sein. Wie es in dem Film Mein Vetter Vinny heißt, dieses Wasserstoffgas muss von demselben Typen kommen, der Jack seine Bohnen gegeben hat. Also für mich ist die faszinierende Frage: Was muss am Ursprung des evolutionären Prozesses da gewesen sein, um die Ergebnisse hervorzubringen, die wir nach Milliarden von Jahren sehen. In der Tat, wie erschafft man völlig neue Kategorien der Existenz wie biologisches Leben oder menschliche Kognition entlang der kosmischen evolutionären Reise, wenn nicht einige dieser Qualitäten bereits im Ursprung enthalten waren – wenn auch nur in einer ganz impliziten Proto-Form? Aus diesem Grund möchten manche Menschen von Urbeginn an von einem „lebenden Universum“ sprechen, denn das hilft dabei, die Frage zu vermeiden, wie Leben aus einem ansonsten toten Universum entstehen kann. Das ist der Grund, weshalb manche Menschen an der Basis der Realität Bewusstsein ansetzen, implizit in einer frühen Proto-Form, schon auf einer Quanten-Ebene – vielleicht, weil es hilft zu erklären, warum Intelligenz und ein hoch-individualisiertes Bewusstsein in einer so bemerkenswerten Art später im Zeitverlauf auftauchen. Vielleicht unterschätzen wir aber die schiere Schöpfungskraft der Evolution. Vielleicht braucht man diese Qualitäten überhaupt nicht ganz am Anfang, nur ein paar Naturgesetze und Wasserstoffgas. Dann sprechen wir allerdings wirklich über unglaublich kreative Sprünge.
Natürlich ist es sauberer aus metaphysischer Sicht, wenn am Urbeginn weniger da ist, aber dann ist die kreative Anforderung an den evolutionären Prozess größer. Emergenz muss dann eine stärkere Rolle spielen. Ich tendiere in diese Richtung, aber ich bin nicht sicher, ob man so weit gehen und all diese höheren Potentiale der Evolution auf früheren Ebenen vernachlässigen kann. Ich glaube an die schöpferische Kraft unseres Universums und die entscheidende Bedeutung von wirklicher Neuheit in der Entfaltung unserer kosmischen Zeitlinie. Unglaubliche Sprünge können passieren und passieren tatsächlich. Aber ein prächtiges Etwas aus fast Nichts – immer und immer wieder? Nun … das bleibt abzuwarten.
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